Briefwechsel – 2. Teil

Zufrieden lächelnd saß Aurelia am nächsten Abend in ihrem Lieblingssessel am Kamin, vor sich eine Tasse mit heißem Tee. Sie wollte gerade zu ihrem Buch greifen als plötzlich das Telefon läutete. Nanu… wer rief Abends um diese Zeit noch an? Nur widerwillig erhob sie sich aus ihrem bequemen Sessel um das Telefonat entgegen zu nehmen.

„Aurelia? – Oh Liebes, das ist wundervoll, dass ich Dich gleich erreiche.“

„Aranea, bist Du das?“

Mit einem Schlag war sämtliche Müdigkeit aus Aurelias Gesicht wie weg geblasen. Insgeheim hatte sie schon damit gerechnet bald wieder von ihrer Freundin zu hören doch die Göre war doch erst seit gestern im Nymphvale College?

„Ja selbstverständlich, wer denn sonst? Hör zu, ich habe doch Deine Sarah bei mir aufgenommen… nun wollte das dumme Ding doch tatsächlich schon nach ihrer ersten Unterrichtsstunde bei mir flüchten und wo landet sie? Ausgerechnet bei mir zu Hause!“

Ein herzliches Lachen begleitete diese Eröffnung.

Aurelia traute fast ihren Ohren nicht und sank auf den nächsten Stuhl um ihre Fassung nicht zu verlieren. Abgehauen… nach einer einzigen Unterrichtsstunde bei Aranea? Das konnte doch wohl nur ein schlechter Scherz sein. Himmel noch eins… trotz der ganzen Scherereien die sie mit Sarah gehabt hatte, etwas mehr Verstand hätte sie der Göre wohl schon zugetraut.

„Also… das ist wirklich… sie hat es nur eine Stunde in Deinem Unterricht ausgehalten? Die muss bei ihr bleibende Eindrücke hinterlassen haben..“

„Du kennst mich doch! Ich habe für die Klasse den künftigen Lehrplan gemäß neuen Vorgaben etwas… nun ja.. abgewandelt und hatte der Klasse praxisnah demonstriert was das für die Zukunft bedeutet. Und nach all dem Ärger den Dir das Mädchen bereitet hatte habe ich diese Demonstration direkt an Sarah vorgenommen und sie vor der ganzen Klasse richtig übers Knie gelegt!“

„Du hast was??“

Aurelia fing nun selbst ihrerseits an zu lachen und schüttelte dabei gleichzeitig den Kopf. Was für eine Vorstellung!

„Ihr den Hintern versohlt, und das gründlich! Diese Göre bettelt doch nahezu nach einer guten Erziehung… und eigentlich ist es ja unglaublich das sie die bei Euch im Ravenhorst nicht bekommen hat! Aber darüber reden wir vielleicht mal noch ein anderes Mal… im Moment habe ich eine Bitte an Dich. Da das Kind ausgerechnet in meine Arme lief finde ich das dies eine wunderbare Gelegenheit ist die Kleine etwas – hm – härter und konsequenter zu erziehen. Du weißt schon was ich meine.“

Ruhig und gefasst wartete Aurelia auf das was sie bereits fast erahnte… natürlich war ihr klar was genau Aranea mit einer härteren und konsequenten Erziehung meinte. Fast empfand sie selbst Schuldgefühle das sie selbst nicht in der Lage war ihren eigenen Schülern dieselbe Erziehung zuteil werden zu lassen aber diesen Gedanken schob sie schnell zur Seite. Wozu hatte sie denn Aranea als Freundin?

„Da Du diejenige warst die den meisten Ärger mit ihr hatte, brauche ich kurz Deine Hilfe. Machst Du mir bitte eine Liste mit allen Vergehen die sie bei Euch auf dem Kerbholz hatte? Jedes einzelne, bitte. Du weißt, ich bin als Erzieherin sehr phantasievoll… ich werde mir für jedes Vergehen eine Strafe für die Kleine einfallen lassen. Sie wird für jedes Mal, wo sie sich daneben benommen hat, eine bittersüße Lektion von mir bekommen. Machst Du mir bitte die Liste, meine Liebe? Es eilt nicht, Du kannst sie mir in den nächsten Tagen per E-Mail schicken. Sarah wird einige Wochen bei mir bleiben, in der Schule habe ich sie schon abgemeldet.“

Der Schulleiterin von Ravenhorst fiel bei diesen Worten nun doch im ersten Moment der Unterkiefer herunter… im Grunde genommen passierte hier nichts anderes als was sie selbst schon halb geahnt und auch gehofft hatte aber dass das so gut laufen würde, das hätte sie nun auch nicht gedacht! Sie war fast froh darüber das Aranea ihre Gedanken nicht lesen und nicht wissen konnte das Aurelia in ihrer langjährigen Freundschaft zu Aranea diese das erste Mal nun ganz bewusst ausgenutzt hatte um sich selbst einer unliebsamen Schülerin zu entledigen mit der sie selbst nicht fertig wurde. Mittlerweile kannte sie ihre Freundin zu gut und allein deshalb hoffte sie das Aranea viel zu sehr mit der Erziehung von Sarah beschäftigt sein würde um sich auch noch Gedanken darüber zu machen warum sie selbst, Aurelia, das Mädchen nicht in den Griff bekommen hatte.

Im nächsten Moment fasste sie sich bereits wieder.

„Natürlich bekommst Du die Liste. Und ich werde Dir ebenfalls einen Abzug des Zwischenzeugnisses ausstellen damit Du ein umfassendes Bild von ihren bisherigen Leistungen erhältst. Die Unterladen gehen Dir in den nächsten Tagen zu. Und mal sehen wie es meine Zeit erlaubt… vielleicht schaue ich in den nächsten Wochen mal bei Dir vorbei wenn Dir das Recht ist.“

Die beiden Lehrerinnen wechselten noch ein paar kurze Worte und beendeten das Gespräch. Schmunzelnd legte Aurelia den schweren Telefonhörer zurück auf die Gabel und warf einen Blick auf ihren Sessel und den Tisch davor. Natürlich war der Tee mittlerweile kalt und auf das Buch hatte sie nun irgendwie auch nicht mehr so recht Lust.

Oh nein… sie würde nicht ein paar Tage warten, sie würde den Bericht mit Sarahs Schandtaten noch heute Abend fertig stellen! Jawohl! Mit diesem Gedanken machte sie sich an ihrem Aktenschrank zu schaffen, zog nach kurzer Suche die Unterlagen über Sarah heraus und begab sich damit an ihren Schreibtisch. Nach kurzer Durchsicht begann sie an ihre Freundin ein Schreiben zu verfassen das es in sich hatte…

Meine liebe Freundin,

Dein Anruf vorhin hat in mir sämtliche Alarmglocken läuten lassen! Diese Göre hat es tatsächlich gewagt sich ohne Erlaubnis aus Deiner Schule zu entfernen und sich damit Deiner Erziehung zu entziehen? Das darf ja wohl nicht wahr sein…

Ein Glück zu hören dass das Kind auf ihrer Flucht ausgerechnet Dir in die Arme gelaufen ist und nicht irgendeinem dahergelaufenen Kerl… Du weißt ja wie die jungen Dinger teils heute so sind. Verlottert oder verwahrlost, keine Erziehungsberechtigten die sich ihrer richtig annehmen… völlig ohne ausreichende Bildung. Wo sind denn noch die netten adretten Mädchen die Schillers „Glocke“ oder den Erlkönig anmutig vortragen können ohne dabei ins Stocken zu kommen… aber ich schweife ab.

Du hast mich um das letzte Zwischenzeugnis von Sarah gebeten und um eine Liste ihrer sämtlichen Verfehlungen. Eines ist sicher, in Sarahs Haut würde ich nicht stecken wollen.

Das Zwischenzeugnis sende ich Dir mit diesem Schreiben mit. Überraschenderweise hat sie sich in den letzten Monaten in den sprachlichen Fächern relativ gut geschlagen, wobei Sarah ihre eigenen Fähigkeiten gerne auch mal etwas überschätzt.

Ganz großes Manko sind bei ihr Naturwissenschaften. Ehrlich gesagt ist sie in diesen Fächern ein absolut hoffnungsloser Fall. Zwar weiß sie fast auf Anhieb sämtliche Formeln auswendig, aber nur auswendig wissen reicht eben nicht, man muss sie anwenden können. An diesem Punkt hört Sarahs Verständnis komplett auf. Bis zur 10. Klasse konnten ihre Lehrer noch mit Abfragen der ganzen Formeln und mit Hilfe von Referaten Sarah zumindest in die nächste Klasse mit hinüber ziehen. Diese Vorgehensweise ist mittlerweile jedoch ihren anderen Mitschülerinnen gegenüber unfair und aus diesem Grund so auch nicht mehr machbar.

Wie Du im Zeugnis sehen kannst steht sie auf allen 3 Fächern ungenügend und mangelhaft, wenn sich das bis zum Schuljahresende weiter fortsetzt wissen wir beide was dies bedeutet. Sarah wird das Klassenziel nicht erreichen und die 11. wiederholen müssen wenn die Eltern weiterhin darauf bestehen dass Sarah ihr Abitur macht.

Wobei ich nicht liebend gerne Lust hätte mir Sarahs Eltern mal vorzuknöpfen. Die Interessen von Sarah liegen überall verstreut, nur nicht auf dem bevorstehenden Abitur! Aber wenigstens habe ich vor Monaten einen Weg gefunden um sie einigermaßen im Schach zu halten nachdem ich heraus gefunden hatte das sie gerne kocht und backt und sich auch im Sport hervor getan hatte.

Du weißt ja sicherlich wie gerissen Mädchen in dem Alter bzw. Mädchen an sich sein können, aber Sarah… oh Sarah übertrifft alles!

So fand ich vor ein paar Monaten heraus dass das Kind ihr monatliches Taschengeld komplett in die hiesige Ballettschule investiert hatte… für Ballettstunden! Ich wunderte mich immer wieder warum sie nachmittags an keinen außerschulischen Aktivitäten oder Arbeitsgemeinschaften teil nahm sondern meistens nach dem Mittagessen verschwand und den halben Nachmittag lang nicht mehr gesehen wurde. Diese Stunden verbrachte sie mit tanzen.

Nachdem ich das durch Zufall heraus gefunden hatte wusste ich zumindest mit was ich das Kind strafen konnte. Im Grunde genommen tat sie mir ja wirklich leid das ich sie für jede weitere schlechte Note wochenlang unter Hausarrest stellte und es ihr so unmöglich machte ihre Ballettstunden weiter zu verfolgen. Aber was hätte ich sonst machen sollen?

Ich kann als Schulleiterin schlecht die gleichen Erziehungsprinzipien übernehmen die Du am Nymphvale-College mit Bravour eingeführt hast. Ich meine, die Eltern Deiner Schüler sind damit wohl einverstanden…. ob meine es wären?

Ach ja… die Liste. Vor lauter Schreiben vergesse ich doch glatt die Dinge um die Du mich gebeten hattest. Ja, ich weiß meine Liebe, das Alter! Nun ja, wir werden eben nicht jünger. Wie auch immer, ich liste Dir hier einfach nacheinander die gesammelten Schandtaten der missratenen Göre auf. Was Du dann damit anfängst… nun… das überlasse ich allein Dir.

Ich habe die Dinge aufgelistet die mir selbst noch in lebhafter Erinnerung geblieben sind. Zu der unten aufgeführten Liste gesellen sich allerdings auch noch andere Dinge wie Faulheit, Aufsässigkeit gegenüber ihren Lehrern und teils auch gegenüber anderen Mitschülern. Wenn es darum geht sich in irgendeiner Weise aus der Verantwortung zu ziehen ist Sarah mit Ausreden ganz schnell bei der Hand. Eigentlich kann man sagen dass Sarah bisher den Weg des geringsten Widerstandes gegangen ist und direkte Konfrontationen regelrecht gescheut hat. Bevor sie sich mit einer Sache wirklich auseinander setzt tritt sie lieber die Flucht nach vorne, bzw. nach hinten an.

Ich würde mir als Sarahs ehemalige Schulleiterin liebend gerne wünschen dass das Kind lernt das es im Leben noch etwas anderes gibt, das sie Freude am Lernen entwickelt und damit beginnt ihr Leben in die richtige Bahn zu lenken bzw. lenken zu lassen.

Meine liebe Freundin, Du weißt ich wertschätze Dich aufs höchste und vertraue Dir an diesem Punkt in vollem Maße. Ich bin mir sicher, wenn es jemand schafft dieses Mädchen zur Räson zu bringen dann bist Du das. Trotzdem beneide ich Dich nicht wirklich um diese Aufgabe die ich Dir bedauerlicherweise „aufgehalst“ habe.

Deine liebe Freundin Aurelia

Sarahs Schandtaten:

– Aufgrund der Nichtbefolgung von genauen Anweisungen das Chemielabor in die Luft gesprengt
– Im Keller heimlich geraucht. Durch den Rauch alarmiert riefen 2 Schülerinnen die Feuerwehr die an einem Sonntag zu einem falschem Alarm ausrücken durften, die Kosten hierfür wurden den Eltern in Rechnung gestellt.
– Heimliche Führungen gegen Geldeinnahmen durchs Ravenhorst-College veranstaltet. Die „Besucher“: Jugendliche aus dem Dorf. Sarah gab später bei der Befragung an sie habe ihr Taschengeld für ihre heimlichen Tanzstunden aufbessern wollen und zudem sei das das ganze Schulgebäude für Fremdenführungen wie geschaffen!
– Hat ihrer Mitschülerin Peggy Sue einen üblen Streich gespielt: Unter Angabe falscher Tatsachen versprach Sarah ihrer Kameradin das sie eine Creme hätte die gegen Peggy Sue’s Akneproblem helfen würde. Gutgläubig wie Peggy Sue war hat sie sich darauf eingelassen. Anstatt besagter Creme besorgte sich Sarah Gips aus dem Kunstraum, versorgte Peggy Sue mit 2 Strohhalmen in den Nasenlöchern und gipste ihr das Gesicht zu. Der erhärtete Gips war später nur unter Zuhilfenahme von Rohrzange, Hammer, Meißel und kleiner Handsäge wieder abzulösen.
– hat bei mehreren Gelegenheiten mit mehreren Mitschülerin heimlich und verbotenerweise den Küchendienst getauscht und vertauschte bei diesen Gelegenheiten die Zuckerdosen für die Kaffeetafel teils mit Salz, teils mit Waschpulver.
– hat zum letzten Osterfest dem Bauern in der Nähe alle Lämmchen entwendet und sie an die Dorfjugend verschenkt. Bei der Befragung im Anschluss gab sie an sie habe die armen unschuldigen Lämmchen vor der Osterschlachtung retten wollen und habe sie deshalb nur in Sicherheit gebracht.

 

Aurelia legte ihren Füllfederhalter zur Seite und las sich ihr Schreiben nochmals durch. Dann nahm sie die Abschrift von Sarahs letztem Zwischenzeugnis und packte beides in einen verschlossenen Umschlag. Nein, diese Dokumente würde sie nicht per E-Mail schicken. Generell hatte sie etwas gegen diese neumodischen Techniken, gute Handarbeit war ihr weitaus lieber! Keines ihrer Mädchen besaß auch nur eines von diesen neumodischen Dingern, diese komischen Telefone bei denen man erst über eine Glasplatte Staub wischen musste damit man es benutzen konnte!

Nein, sie würde dieses Schreiben am nächsten Tag auf dem normalem Postweg schicken, zudem war sie heilfroh das sie nicht in Araneas Nähe war wenn diese das Schreiben mit den Unterlagen erhielt. Außerdem… das schicken per Post räumte nur noch weitere Zeit in denen sich Aurelia keine weiteren Gedanken machen musste…

Briefwechsel zwischen zwei Schulleiterinnen


Mit einer Handbewegung schleuderte Aurelia die eben eingetroffene Rechnung der örtlichen Feuerwehr auf ihren Schreibtisch, sie kochte innerlich vor Wut und konnte kaum mehr an sich halten. Wie sollte sie das nur erklären?? Das Kultusministerium hatte sie bereits auf dem Hals, fast täglich gingen von den Eltern der Schüler reihenweise Briefe ein und selbst die Schüler machten nicht halt.

Erst gestern tauchte eine kleine geschlossene Prozession in Aurelias Direktorat auf und alle erklärten Standhaft das sie die Nase von ihrer Mitschülerin gründlich satt hätten, die ständig nichts weiter als Unfug im Schilde führte und ihre Schandtaten gekonnt anderen in die Schuhe schob.

Aurelia gab einen kleinen Seufzer von sich, stand dann auf und trat ans Fenster. In weiterer Entfernung konnte sie ihre Mädchen im Park sehen, wie sie dort zusammen saßen. Das neue Schuljahr hatte erst begonnen und zum Glück war das Wetter noch so gut das die Schülerinnen nachmittags noch ihren sportlichen Aktivitäten in der freien Natur nachgehen konnten. Wohlgemerkt alle, bis auf eine. Sarah hatte wieder einmal Stubenarrest.

Nein, so konnte das wirklich nicht weiter gehen! Der äußerste Gipfel war vor den Schulferien die Sache mit dem nahezu neuen Chemielabor der Schule gewesen. Alle Lehrer und Schüler waren stolz darauf das sie endlich eines bekommen hatten und nun ihre Kenntnisse richtig auffrischen konnten und dann das! Zum Glück wurde bei der Explosion und dem anschließenden Brand der den Raum unbenutzbar machte niemand schwer verletzt. Aber die Folgen waren dennoch verheerend.

Beschwerden von Schülern und Eltern gleichermaßen. Letztere zahlten jeden Monat eine nicht unerhebliche Summe an Schulgeld für ihre Sprösslinge und erwarteten selbstverständlich die bestmögliche Bildung und Ausbildung ihrer Kinder. Mit einem Chemielabor jedoch, welches in die Luft gesprengt worden war, war dies kaum möglich!

Das Kultusministerium sah das nicht anders. Eine Untersuchungskommission hatte sich bereits angekündigt um, wie Aurelia durch die Blume mitgeteilt worden war, nicht nur das aktuelle Ereignis zu untersuchen sondern die Schule mit ihren Lehrkörpern und Unterrichtsprinzipien wohl komplett unter die Lupe zu nehmen.

Plötzlich, von einer Sekunde auf die nächste, schoss eine Idee durch den Kopf der Schulleiterin. Könnte sie nicht.. aber was wäre das für eine Bürde die sie ihrer lieben Freundin aufhalsen würde…unter Umständen wäre die Freundschaft damit beendet wenn Aurelia den Plan verfolgte der in ihren Gedanken nun tatsächliche Formen annahm. Wobei, mal nachfragen kostete bekanntlich ja nichts und immerhin lag es ja nicht an ihr selbst wie die Antwort ausfallen würde, oder?

Mit einem Glas und einer Flasche hochprozentigem kehrte die Direktorin zu ihrem Schreibtisch zurück. Für das was sie vor hatte brauchte sie doch etwas Nervennahrung. Ein paar Schlucke später von dem schottischen Whisky griff sie zu Schreibpapier und Tinte und begann damit einen Brief zu verfassen.


Meine liebe Freundin,

mittlerweile zurück im Ravenhorst College schreibe ich Dir heute diese Zeilen und hoffe Du bist nach den Strapatzen der letzten Wochen hoffentlich wohlauf.

Es tut mir leid das ich Dich direkt im Anschluss jetzt um Hilfe bitten muss, ich weiß mir jedoch keinen Rat mehr und bin – gelinde gesagt – mit meinem Latein völlig am Ende! Der Grund hierfür ist, wie sollte es auch anders sein, eine meiner pupertierenden Schülerinnen die mir von Ihren, armen und vertrauensseligen Eltern, anvertraut wurde in der Hoffnung dass das Kind unter meiner Führung einmal ein wertvoller Mensch der höheren Gesellschaft wird.

Zu meiner eigenen Schande muss ich jedoch gestehen das mir so etwas in meiner ganzen bisherigen Laufbahn noch nicht passiert ist. Soviel Renitenz, Trotz und Lernfaulheit lässt mich langsam an meinem Beruf zweifeln!

Deshalb schicke ich Dir, meine liebe Freundin, nun heute die Anfrage per Eildepot, ob Du bei Dir im Nymphvale-College noch einen Platz für eine weitere Gastschülerin hättest?

Mit den Eltern des Mädchens ist bereits alles geklärt. Anfangs sträubten sie sich etwas doch als ich Ihnen berichtete welch hervoragenden Erfolge Du bereits mit Deinen Schülerinnen erzieltest, ließen sie sich doch von mir überreden das unselige Geschöpf für eine Weile in Deine strengen Hände zu geben.

Und unter uns beiden gesagt… absolute Strenge und Disziplin ist genau das was diese Göre dringendst nötig hat! Sie schafft es sogar aus lauter Unwissenheit das Chemielabor in die Luft zu sprengen. Wie ich diese Kosten gegenüber dem Kultusministerium erklären muss.. und die Umbauarbeiten erst!

Nein, ich werde mit ihr nicht fertig! Aber wenn es eine schafft, dann bist Du es.

Ich bitte Dich inständig alle Dir zu verfügbaren Mittel anzuwenden um das Kind wieder auf den rechten Weg zu bringen und aus ihr eine strebsame und fleissige Schülerin zu machen. Zur Sicherheit habe ich mir vorsichtshalber die Einverständniserklärung der Eltern schriftlich mitteilen lassen.

Deine Antwort erwarte ich dringendst,

Aurelia

 

Aufatmend las sie ihre Zeilen nochmal durch und nickte mit dem Kopf als wollte sie sich selbst bestätigen welch richtige und kluge Entscheidung dies doch war. Es wurde endlich Zeit das an ihrer Schule wieder Ruhe und Frieden einkehrte, hatte sie doch zusätzlich mit ihren beiden Blagen zu Hause auch schon alle Hände voll zu tun und sie war sich ziemlich sicher das Aranea diese Situation viel besser in den Griff bekäme als sie selbst!

Sie faltete das Blatt zusammen, verschloss es in einem bereits fertig adressierten Umschlag und ließ dann extra einen Eilboten kommen der das Schreiben auch ja persönlich überreichen sollte. Sie ahnte, wenn Sarah von der Sache im Voraus Wind bekäme würde die sich totsicher noch etwas einfallen lassen um dieses Schreiben womöglich noch abzufangen oder zumindest dafür sorgen das er niemals ankam. Aber nun hieß es erst mal warten…

Es dauerte gar nicht lange als ein Antwortschreiben von Lady Aranea aus dem Nymphvale-College ankam. In helle Aufregung versetzt zog sich Aurelia ins Direktorat zurück um die Antwort ihrer Freundin zu lesen und zu erfahren wie deren Antwort ausgefallen war.

 

Meine liebe Aurelia,

Selbstverständlich habe ich bei mir im College noch Platz für eine Gastschülerin, vor allem da dieser Hilferuf nicht von irgend jemandem sondern von einer Freundin kommt.

Nach Deinen Zeilen zu schließen wird es tatsächlich höchste Zeit das dieses Kind die richtige Erziehung erhält und ich werde mich ihr mit Freuden annehmen. Gib mir bitte nur rechtzeitig Bescheid wann das Kind an uns überstellt wird damit ich bei uns im College alle nötigen Vorbereitungen treffen kann.

Bis dahin Liebe Grüße,
Deine Freundin Aranea

 

Ein Lächeln stahl sich in Aurelias Gesicht. Das war genau die Antwort die sie sich erhofft hatte, sie hatte Aranea zum Glück richtig eingeschätzt und sie konnte sich auch gut vorstellen das diese ihren Spaß daran finden würde dieser kleinen ungezogenen Göre zu zeigen wo es ab jetzt lang ging und dem verwöhnten Balg zumindest ein Mindestmaß an guter Erziehung einzubläuen! Wie genau Aranea dies zu tun gedenke, das lag nun nicht mehr in ihrer Hand und an ihrer eigenen Schule würde nun endlich wieder wohlverdiente Ruhe einkehren.

Alles was sie nun noch benötigte war ein Plan um dem Mädchen den Umzug ins andere College schmackhaft zu machen. Viel mehr als eine kleine List und die Mithilfe der Eltern brauchte sie dafür nicht. Mittlerweile hatten auch die eingesehen das nach der Brandkatastrophe im Chemieraum die Ursache alleine auf die Faulheit und Renitenz der eigenen Tochter zurück zu führen waren und waren dementsprechend nun an dem Punkt angelangt bei allem zuzustimmen was Lady Aurelia ihnen vorschlug.

Es kostete sie nur ein Telefonat um alles weitere zu besprechen. In Absprache mit ihr würden die Eltern Sarahs sich mit ihrer Tochter in Verbindung setzen um ihr von einer anderen Schule vorzuschwärmen auf der bereits eine gute Freundin des Mädchens wäre. Natürlich war diese andere Schule nicht dasselbe College welches ihre Freundin leitete, nein, das Mädchen sollte nur in dem Glauben gelassen werden. Und tatsächlich ging der Plan auf.

Nachdem Sarah über den bevorstehenden Wechsel informiert wurde war diese Feuer und Flamme zumal sie 2 Tage später ins Rektorat gerufen wurde wo man ihr mitteilte das sie noch am selben Abend abgeholt werden würde damit sie direkt am nächsten Morgen am Unterricht teilnehmen konnte.

Mit sichtlicher Freude sehnte Aurelia den Abend heran und tatsächlich tauchte kurz nach dem Abendessen ein Fahrer auf der das Mädchen mitsamt seinem Gepäck abholte und noch in derselben Nacht im College der Lady Aranea abliefern würde. Kaum schloss sich die Eingangstür hinter dem Mädchen als eine reine Erleichterung Aurelia durchfuhr. Endlich war sie die Göre los! Mit einem tiefen Gefühl der inneren Zufriedenheit begab sie sich zu Bett und freute sich auf einen Tag voller Ruhe und Beschaulichkeit…

 

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