Briefwechsel zwischen zwei Schulleiterinnen


Mit einer Handbewegung schleuderte Aurelia die eben eingetroffene Rechnung der örtlichen Feuerwehr auf ihren Schreibtisch, sie kochte innerlich vor Wut und konnte kaum mehr an sich halten. Wie sollte sie das nur erklären?? Das Kultusministerium hatte sie bereits auf dem Hals, fast täglich gingen von den Eltern der Schüler reihenweise Briefe ein und selbst die Schüler machten nicht halt.

Erst gestern tauchte eine kleine geschlossene Prozession in Aurelias Direktorat auf und alle erklärten Standhaft das sie die Nase von ihrer Mitschülerin gründlich satt hätten, die ständig nichts weiter als Unfug im Schilde führte und ihre Schandtaten gekonnt anderen in die Schuhe schob.

Aurelia gab einen kleinen Seufzer von sich, stand dann auf und trat ans Fenster. In weiterer Entfernung konnte sie ihre Mädchen im Park sehen, wie sie dort zusammen saßen. Das neue Schuljahr hatte erst begonnen und zum Glück war das Wetter noch so gut das die Schülerinnen nachmittags noch ihren sportlichen Aktivitäten in der freien Natur nachgehen konnten. Wohlgemerkt alle, bis auf eine. Sarah hatte wieder einmal Stubenarrest.

Nein, so konnte das wirklich nicht weiter gehen! Der äußerste Gipfel war vor den Schulferien die Sache mit dem nahezu neuen Chemielabor der Schule gewesen. Alle Lehrer und Schüler waren stolz darauf das sie endlich eines bekommen hatten und nun ihre Kenntnisse richtig auffrischen konnten und dann das! Zum Glück wurde bei der Explosion und dem anschließenden Brand der den Raum unbenutzbar machte niemand schwer verletzt. Aber die Folgen waren dennoch verheerend.

Beschwerden von Schülern und Eltern gleichermaßen. Letztere zahlten jeden Monat eine nicht unerhebliche Summe an Schulgeld für ihre Sprösslinge und erwarteten selbstverständlich die bestmögliche Bildung und Ausbildung ihrer Kinder. Mit einem Chemielabor jedoch, welches in die Luft gesprengt worden war, war dies kaum möglich!

Das Kultusministerium sah das nicht anders. Eine Untersuchungskommission hatte sich bereits angekündigt um, wie Aurelia durch die Blume mitgeteilt worden war, nicht nur das aktuelle Ereignis zu untersuchen sondern die Schule mit ihren Lehrkörpern und Unterrichtsprinzipien wohl komplett unter die Lupe zu nehmen.

Plötzlich, von einer Sekunde auf die nächste, schoss eine Idee durch den Kopf der Schulleiterin. Könnte sie nicht.. aber was wäre das für eine Bürde die sie ihrer lieben Freundin aufhalsen würde…unter Umständen wäre die Freundschaft damit beendet wenn Aurelia den Plan verfolgte der in ihren Gedanken nun tatsächliche Formen annahm. Wobei, mal nachfragen kostete bekanntlich ja nichts und immerhin lag es ja nicht an ihr selbst wie die Antwort ausfallen würde, oder?

Mit einem Glas und einer Flasche hochprozentigem kehrte die Direktorin zu ihrem Schreibtisch zurück. Für das was sie vor hatte brauchte sie doch etwas Nervennahrung. Ein paar Schlucke später von dem schottischen Whisky griff sie zu Schreibpapier und Tinte und begann damit einen Brief zu verfassen.


Meine liebe Freundin,

mittlerweile zurück im Ravenhorst College schreibe ich Dir heute diese Zeilen und hoffe Du bist nach den Strapatzen der letzten Wochen hoffentlich wohlauf.

Es tut mir leid das ich Dich direkt im Anschluss jetzt um Hilfe bitten muss, ich weiß mir jedoch keinen Rat mehr und bin – gelinde gesagt – mit meinem Latein völlig am Ende! Der Grund hierfür ist, wie sollte es auch anders sein, eine meiner pupertierenden Schülerinnen die mir von Ihren, armen und vertrauensseligen Eltern, anvertraut wurde in der Hoffnung dass das Kind unter meiner Führung einmal ein wertvoller Mensch der höheren Gesellschaft wird.

Zu meiner eigenen Schande muss ich jedoch gestehen das mir so etwas in meiner ganzen bisherigen Laufbahn noch nicht passiert ist. Soviel Renitenz, Trotz und Lernfaulheit lässt mich langsam an meinem Beruf zweifeln!

Deshalb schicke ich Dir, meine liebe Freundin, nun heute die Anfrage per Eildepot, ob Du bei Dir im Nymphvale-College noch einen Platz für eine weitere Gastschülerin hättest?

Mit den Eltern des Mädchens ist bereits alles geklärt. Anfangs sträubten sie sich etwas doch als ich Ihnen berichtete welch hervoragenden Erfolge Du bereits mit Deinen Schülerinnen erzieltest, ließen sie sich doch von mir überreden das unselige Geschöpf für eine Weile in Deine strengen Hände zu geben.

Und unter uns beiden gesagt… absolute Strenge und Disziplin ist genau das was diese Göre dringendst nötig hat! Sie schafft es sogar aus lauter Unwissenheit das Chemielabor in die Luft zu sprengen. Wie ich diese Kosten gegenüber dem Kultusministerium erklären muss.. und die Umbauarbeiten erst!

Nein, ich werde mit ihr nicht fertig! Aber wenn es eine schafft, dann bist Du es.

Ich bitte Dich inständig alle Dir zu verfügbaren Mittel anzuwenden um das Kind wieder auf den rechten Weg zu bringen und aus ihr eine strebsame und fleissige Schülerin zu machen. Zur Sicherheit habe ich mir vorsichtshalber die Einverständniserklärung der Eltern schriftlich mitteilen lassen.

Deine Antwort erwarte ich dringendst,

Aurelia

 

Aufatmend las sie ihre Zeilen nochmal durch und nickte mit dem Kopf als wollte sie sich selbst bestätigen welch richtige und kluge Entscheidung dies doch war. Es wurde endlich Zeit das an ihrer Schule wieder Ruhe und Frieden einkehrte, hatte sie doch zusätzlich mit ihren beiden Blagen zu Hause auch schon alle Hände voll zu tun und sie war sich ziemlich sicher das Aranea diese Situation viel besser in den Griff bekäme als sie selbst!

Sie faltete das Blatt zusammen, verschloss es in einem bereits fertig adressierten Umschlag und ließ dann extra einen Eilboten kommen der das Schreiben auch ja persönlich überreichen sollte. Sie ahnte, wenn Sarah von der Sache im Voraus Wind bekäme würde die sich totsicher noch etwas einfallen lassen um dieses Schreiben womöglich noch abzufangen oder zumindest dafür sorgen das er niemals ankam. Aber nun hieß es erst mal warten…

Es dauerte gar nicht lange als ein Antwortschreiben von Lady Aranea aus dem Nymphvale-College ankam. In helle Aufregung versetzt zog sich Aurelia ins Direktorat zurück um die Antwort ihrer Freundin zu lesen und zu erfahren wie deren Antwort ausgefallen war.

 

Meine liebe Aurelia,

Selbstverständlich habe ich bei mir im College noch Platz für eine Gastschülerin, vor allem da dieser Hilferuf nicht von irgend jemandem sondern von einer Freundin kommt.

Nach Deinen Zeilen zu schließen wird es tatsächlich höchste Zeit das dieses Kind die richtige Erziehung erhält und ich werde mich ihr mit Freuden annehmen. Gib mir bitte nur rechtzeitig Bescheid wann das Kind an uns überstellt wird damit ich bei uns im College alle nötigen Vorbereitungen treffen kann.

Bis dahin Liebe Grüße,
Deine Freundin Aranea

 

Ein Lächeln stahl sich in Aurelias Gesicht. Das war genau die Antwort die sie sich erhofft hatte, sie hatte Aranea zum Glück richtig eingeschätzt und sie konnte sich auch gut vorstellen das diese ihren Spaß daran finden würde dieser kleinen ungezogenen Göre zu zeigen wo es ab jetzt lang ging und dem verwöhnten Balg zumindest ein Mindestmaß an guter Erziehung einzubläuen! Wie genau Aranea dies zu tun gedenke, das lag nun nicht mehr in ihrer Hand und an ihrer eigenen Schule würde nun endlich wieder wohlverdiente Ruhe einkehren.

Alles was sie nun noch benötigte war ein Plan um dem Mädchen den Umzug ins andere College schmackhaft zu machen. Viel mehr als eine kleine List und die Mithilfe der Eltern brauchte sie dafür nicht. Mittlerweile hatten auch die eingesehen das nach der Brandkatastrophe im Chemieraum die Ursache alleine auf die Faulheit und Renitenz der eigenen Tochter zurück zu führen waren und waren dementsprechend nun an dem Punkt angelangt bei allem zuzustimmen was Lady Aurelia ihnen vorschlug.

Es kostete sie nur ein Telefonat um alles weitere zu besprechen. In Absprache mit ihr würden die Eltern Sarahs sich mit ihrer Tochter in Verbindung setzen um ihr von einer anderen Schule vorzuschwärmen auf der bereits eine gute Freundin des Mädchens wäre. Natürlich war diese andere Schule nicht dasselbe College welches ihre Freundin leitete, nein, das Mädchen sollte nur in dem Glauben gelassen werden. Und tatsächlich ging der Plan auf.

Nachdem Sarah über den bevorstehenden Wechsel informiert wurde war diese Feuer und Flamme zumal sie 2 Tage später ins Rektorat gerufen wurde wo man ihr mitteilte das sie noch am selben Abend abgeholt werden würde damit sie direkt am nächsten Morgen am Unterricht teilnehmen konnte.

Mit sichtlicher Freude sehnte Aurelia den Abend heran und tatsächlich tauchte kurz nach dem Abendessen ein Fahrer auf der das Mädchen mitsamt seinem Gepäck abholte und noch in derselben Nacht im College der Lady Aranea abliefern würde. Kaum schloss sich die Eingangstür hinter dem Mädchen als eine reine Erleichterung Aurelia durchfuhr. Endlich war sie die Göre los! Mit einem tiefen Gefühl der inneren Zufriedenheit begab sie sich zu Bett und freute sich auf einen Tag voller Ruhe und Beschaulichkeit…

 

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